Info Orthopädie: FOHLEN – „gerade oder nicht gerade“

Gliedmaßenfehlstellungen – O- oder X-beinig

Abb. 1: Wenige Tage altes Fohlen mit deutlichen Achsenfehlstellungen in den Vorderextremitäten

So manches Fohlen kommt X- oder O-beinig zur Welt, wächst sich aber innerhalb der ersten paar Lebenstage aus. Jene aber, welche in den ersten Tagen und Wochen immer schlechter werden, brauchen Unterstützung. Derart schiefe Beine können, von unvollständiger Verknöcherung herrühren. Nicht zu vergessen sind aber auch noch die Gelenkbänder, Sehnen und Muskeln, welche in einem solchen Fall offensichtlich noch zu wenig stabil sind und vor Überbelastung geschützt werden müssen.

Für diese Unterstützung gibt es kein „Schema F“. Es muss von Fohlen zu Fohlen und vom täglichen Verlauf neu entschieden werden. Die Möglichkeiten reichen von Bewegungseinschränkung über Hufkorrektur, Gipsverbände bis zu Operationstechniken.

Für Gliedmaßenfehlstellungen werden erbliche (vor der Geburt) und erworbene (nach der Geburt) Ursachen angeführt:

Zu den erblichen werden abnorme Position in der Gebährmutter, Intoxikation der Zuchtstute, unvollständige Verknöcherung, mangelnde Stabilität des Bindegewebes des Fohlens, genetische Prädisposition und hormonelle bzw. metabolische Inbalanze angeführt.

Nach der Geburt sollen unproportionales Knochenwachstum, unvollständige Verknöcherung, Fütterung, Toxine, Trauma und Gliedmaßenüberbelastung z.B. durch Lahmheit am kontralateralen Bein zu Gliedmaßenfehlstellungen führen können.

Abb. 3: Röntgenbild eines Karpalgelenkes eines Fohlens mit Achsenfehlstellung im Karpalgelenk

Jedes Fohlen sollte von der Geburt an bis mindestens zum 6. Lebensmonat genau kontrolliert werden:

  • Zeigt das Fohlen im Stand der Ruhe oder erst in der Bewegung eine Fehlstellung?
  • Nur auf einem Bein oder auch auf der kontralateralen Gliedmaße?
  • Ist das Fohlen auf einem Bein vielleicht lahm?
  • Lässt sich diese Fehlstellung mit der Hand korrigieren?
  • Ist vielleicht eine Infektion oder Trauma die Ursache?
  • Zeigt der Huf Veränderungen?
  • Wie entwickelt sich diese Fehlstellung im Laufe der weiteren Tage und Wochen?

Ist eine Fehlstellung zu sehen, sollten wiederum Röntgenbilder angefertigt werden. Die Fragestellung dabei ist nun herauszufinden, WO sich der Knick im Bein befindet. Hierbei werden die Gelenkebenen in Relation zur Achse der langen Röhrenknochen gesetzt.

Beim Karpalgelenk kann dieser Knick im unteren Radius, in der Epiphysenfuge, in einer fehlentwickelten Epiphyse, unterentwickelten oder kollabierten Karpalknochen oder unterentwickelten Rohrbein bzw. Griffelbeinen sein.

Therapie – O-bzw. X-Beinigkeit

Abb. 2: Konservativer Therapieversuch zur Korrektur einer Achsenfehlstellung – Extension Shoe

Der ZEITPUNKT des therapeutischen Eingriffes sollte so bald als möglich stattfinden. So können „kleine“ Maßnahmen in den ersten Lebenstagen vielleicht „größere“ Eingriffe zu einem späteren Zeitpunkt verhindern.

Der Zeitpunkt und die Art der chirurgischen Eingriffe richtet sich in erster Linie nach dem Zeitpunkt der Verknöcherungen der Wachstumsfugen. Operative Korrekturen im Fesselgelenkbereich sollten innerhalb der zweiten bis vierten Lebenswoche durchgeführt werden. Korrekturen an Radius und Tibia sollten zwischen der 2. Lebenswoche und dem 4. Lebensmonat gemacht werden.

Unter KONSERVATIVE Therapiemöglichkeiten fallen z.B. Bewegungseinschränkung, Manipulation am Huf, Schienen, Gipsverbände und Stoßwellentherapie. Je nach Fehlstellung wird, in Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Hufschmied, der FohlenHUF beraspelt oder so genannte „Extension Shoes“ angebracht. Das Fohlen muss damit aber auf harten ebenen Untergrund aufgestallt werden, da auf weichen unebenen Untergrund (z.B. Wiese) diese Winkelkorrekturen am Huf nicht zur Wirkung kommen. Die Korrekturen müssen mindestens einmal wöchentlich kontrolliert und gegebenenfalls wiederholt werden.

Die BEWEGUNGSEINSCHRÄNKUNG ist je nach Schweregrad mehr oder weniger streng zu verordnen und wiederum täglich in ihrem Umfang neu festzulegen.

Abb. 4: Wenige Tage altes Fohlen mit Fehlstellung an beiden Vorderextremitäten – nicht selbständig stehfähig

Äußere SCHIENEN oder GIPSVERBÄNDE sollen die schwachen Gliedmaßenanteile schützen und stützen. Es gibt verschiedene Fabrikate am Markt und können auch individuell angefertigt werden. Die Fohlenhaut ist jedoch sehr empfindlich auf Druck und so kann es durch Schienen und Verbände zu Komplikationen (Verbanddruck, Infektionen) kommen. Daher benötigen diese Therapieformen ständige intensive Überwachung des Fohlen.

Bei den CHIRURGISCHEN Therapiemaßnahmen unterscheidet man grob zwischen „Wachstum stimulierenden Maßnahmen“ und „Wachstum hemmenden Maßnahmen“. Diese Methoden werden angewendet, wenn sich der Achsen-Knick im Bereich der Epiphysenfuge (Wachstumsfuge) befindet.

Bei jeder Achsenfehlstellung gibt es an der betroffenen Gliedmaße eine konkave und eine konvexe Seite.

Bei der „Wachstum stimulierenden Maßnahme“ geht man von davon aus, dass die Knochenhaut (Periost) den Knochen bzw. die Wachstumsfuge an der konkaven Seite am ungestörten Wachstum hindert. Daher wird in diesem Bereich das Periost auf spezielle Art und Weise durchtrennt und etwas vom Knochen abgelöst. Dieser soll daraufhin wieder ungestörtes Längenwachstum zeigen. Diese Operation kann im Bedarfsfall wiederholt werden.

Abb. 5: gleiches Fohlen aus Abb. 4 – nach dem Anbringen von Stützverbänden – das Fohlen kann selbständig stehen und laufen

Bei der „Wachstums hemmenden Maßnahme“ wird das Knochenwachstum bzw. die Wachstumsfuge auf der konvexen Seite im Längenwachstum eingeschränkt. Oberhalb und unterhalb der Wachstumsfuge werden Schrauben eingebracht und diese wiederum über Drahtschlingen miteinander verbunden. Diese Schrauben werden ein paar Wochen belassen, bis die Gliedmaße eine gerade Achse aufweist. Dann müssen diese Schrauben in einer zweiten Operation wieder entfernt werden, da der Achsknick sonst in die andere Richtung stattfindet.

Eine unblutige Therapiemaßnahme sei an dieser Stelle noch erwähnt. Es handelt sich dabei um die STOSSWELLENTHERAPIE. Sie arbeitet nach einem ähnlichen Prinzip wie die „Wachstums hemmende chirurgische Methode“. Hierbei wird die konvexe Gliedmaßenseite mittels Stoßwelle in mehreren Sitzungen behandelt. Auch hier soll es zu einem verminderten Knochenwachstum auf der konvexen Seite und in Folge zu einer Achskorrektur kommen.


09.2018