Info Orthopädie: FOHLEN – „reif – oder nicht reif“

Abb. 1: Röntgenbild von beiden Karpalgelenken eines deutlich unterentwickelten neugeborenen Fohlens – die Knochen der Karpalgelenke sind großteils noch knorpelig und daher im Röntgenbild nicht darstellbar

Unsere Fohlen sollten einmal die großen Athleten im Dressurviereck, im Gelände, am Pacourplatz oder genauso auch gesunde Freizeitgefährten sein. Daher können „schiefe Beine“, wenn sie meist auch nicht lebensbedrohlich sind, die Zukunft des jungen Pferdes ungünstig beeinflussen.

Bei Fohlen gibt es zwei Typen von orthopädischen Schwachstellen, welche nichts mit infektiösen Erkrankungen zu tun haben. Zum Einen handelt es sich um Erkrankungen die nicht sofort „ins Auge fallen“ wie z.B. unvollständige Verknöcherung und Osteochondrose.

Zum Anderen sind es die Gliedmaßenfehlstellungen die schnell offensichtlich sind.

Im Großen und Ganzen werden in der Veterinärmedizin orthopädische Abweichungen beim Fohlen als „orthopädische Entwicklungserkrankungen“ bezeichnet. Dazu gehören unter anderem Osteochondrose, Gliedmaßenfehlstellungen, Missbildungen der Halswirbelsäule und unvollständige Verknöcherungen.

Man sollte annehmen, dass seit Jahrzehnten schon genug Fohlen geboren wurden, um heute zu wissen wann und warum derartige Fehlentwicklungen zu Stande kommen. Nein, vieles ist bis heute noch unklar. Diskutiert werden unter anderem Vererbung, Fütterung und Aufzucht.

Um so mehr sollten alle mit der Pferdezucht bzw. Aufzucht von Fohlen beschäftigen Menschen sehr früh schon ein kritisches Augenmerk auf den Gesundheitszustand ihrer Schützlinge haben, um eventuelle Fehlentwicklungen des Bewegungsapparates ehest möglich therapieren zu können.

Unvollständige Verknöcherung

Abb. 2: Röntgenbild vom rechten Karpalgelenk eines Fohlens – die Knochen sind vollständig entwickelt – jedoch liegt eine deutliche Verformung der Gliedmasse (Achsenfehlstellung; x-Beinigkeit) vor

Die Entwicklung des Skelettes findet in der Gebährmutter der Stute statt. Zuerst bilden sich Knorpelanlagen, welche mit fortschreitender Fetalreifung verknöchern. Man würde meinen, dass ein Fohlen bei der Geburt, da es ein Fluchttier und Herdentier ist, vollständig entwickelt ist und einen voll belastbaren Bewegungsapparat aufweist. Jedoch kann es z.B. bei Zwillingsträchtigkeit, Frühgeburt (vor dem 320 Trächtigkeitstag), allgemeiner Unterentwicklung und intrauteriner Infektion zu einer unvollständigen Verknöcherung des Bewegungsapparates kommen.

Wie aber können wir feststellen ob das frisch geborene Fohlen voll entwickelt ist?

Nun, es gäbe natürlich sehr viele Anhaltspunkte die der erfahrene Züchter bzw. der Tierarzt beurteilen kann. Tatsächlich wird in diesem Fall aber spezielles Augenmerk auf die Karpal- und Sprunggelenke gelegt. Diese Gelenke verknöchern erst in der späten Trächtigkeitsphase. Daher werden sie bei entsprechender Fragestellung, innerhalb der ersten Lebenstage, vom Tierarzt geröntgt. Anhand der röntgenologischen Darstellbarkeit der an diesen Gelenken beteiligten Knochen und weiterer klinischer Werte (z.B. Geburtsablauf, Allgemeinverhalten und Laborwerte) kann der Pferdetierarzt den Entwicklungsstand des Bewegungsapparates des Fohlens beurteilen. Es gibt dafür einen „Skelett-Ossifikations-Index“.

Derartige Röntgenuntersuchungen sollten in den ersten Lebenstagen und Wochen mehrfach wiederholt werden, um den weiteren Entwicklungsverlauf beurteilen und therapeutische Maßnahmen darauf abstimmen zu können.

Therapie – unvollständige Verknöcherung

Viele Fohlen, welche von einer unvollständigen Verknöcherung betroffen sind, leiden auch an anderen körperlichen Schwächen. Sie sind zu früh geboren, schwach und schlecht entwickelt. Daher sollte der allgemeine Gesundheitsstatus, die Ernährung und die Bewegungsfreiheit  gut kontrolliert werden.

Abb. 3: Röntgenbild vom Karpalgelenk eines erwachsenen Pferdes

Unvollständig oder auch noch gar nicht verknöcherte „Gelenkknochen“, dass heißt eigentlich „Knorpelanlagen“, bestehen aus einem Knorpel, welcher nicht fähig ist, selbst das Gewicht eines Neugeborenen zu tragen! Sollte ein solches Fohlen, trotz allgemeiner Schwäche, fähig sein herum zu toben wie ein gesundes Fohlen, muss dies verhindert werden. Sonst würde dieser Knorpel überbelastet, dabei gequetscht werden und in sich kollabieren (z.B. Sprunggelenk Kollaps). So sich aus einer derart kollabierten Knorpelanlage überhaupt noch ein tragfähiger Knochen entwickeln kann, käme es dadurch zu einer Winkeländerung der Gelenkebenen zueinander; eine mögliche Ursache für schiefe Pferdebeine und zukünftige Fehl- und Überbelastung der Gelenke des Athleten Pferd.

Unter Berücksichtigung der allgemeinen Lebensbedürfnisse eines Fohlens wie trinken, aufstehen und niederlegen wird im Allgemeinen versucht derart instabile Gelenke vor Überbelastung zu schützen und zu stützen. Dafür bleiben die Stute und das Fohlen in einem eingeschränkten Bereich im Stall oder auch im Freien (bei guten Wetterverhältnissen). Außerdem können Bandagen, Schienen oder auch ein Gips angebracht werden.

Jedenfalls benötigt ein solcher Patient ständige Aufsicht und Betreuung.

Prognose – unvollständige Verknöcherung

Die Zukunftsaussichten für Fohlen mit unvollständiger Verknöcherung des Bewegungsapparates sind vorsichtig zu stellen. Man weiß bis heute noch zu wenig über die Verknöcherung des Bewegungsapparates nach der Geburt. Tatsächlich gab es bisher viele Fohlen mit unvollständiger Verknöcherung der Karpal- und Tarsalgelenke, welche später mit Gliedmaßenfehlstellungen dem Tierarzt vorgestellt wurden; und auch solche die keine Fehlstellungen aufwiesen.

Inwieweit Fohlen mit bekannten Knochenunterentwicklung später im Sport erfolgreich waren oder nicht, konnte bisher nicht festgestellt werden.


09.2018