Kastrationsmethoden und Risiken

Die Geschlechtsreife liegt beim Hengst zwischen 12 und 18 Monaten, ab diesem Zeitpunkt sind sie in der Lage Nachkommen zu zeugen.

Im Laufe der embryonalen Entwicklung wandern die knapp hinter der Niere befindlichen fetalen Hoden Richtung Hodensack. Zum Zeitpunkt der Geburt befinden sich die Hoden im Leistenkanal und sind in der Regel einige Tage nach der Geburt im Hodensack zu tasten. Allerdings kann es aufgrund rassespezifischer Unterschiede auch etwas länger dauern. Die Hoden sollten ab einem Alter von 12 Monaten zu tasten sein, sind diese nicht zu spüren, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Hoden noch in den Hodensack wandern. Man spricht dann von einem Kryptorchiden oder auch Klopphengst. Bei einem Kryptorchiden ist zu unterscheiden, ob sich der/die betroffene/n Hoden in der Bauchhöhle [Abdomen]  oder im Leistenbereich [Inguinalbereich] lokalisiert ist/sind. Die Kastration von Kryptorchiden sollte auf alle Fälle an einer Klinik erfolgen.

Abb. 1: Hoden eines Hengstes
[© Pferdeklinik Tillysburg].

Die Kastration erfolgt in der Regel zwischen dem 2. und dem 4. Lebensjahr. Hierbei werden Hoden und Nebenhoden chirurgisch entfernt. Handelt es sich um eine Kastration im Feld sollte die Kastration aufgrund der Insektenplage und somit verbundenem erhöhten Infektionsrisiko, auf die kalte Jahreszeit, sprich Oktober bis April, gelegt werden. Die Tiere sollten körperlich fit sein, also keinen Immunsystem schwächenden Aktivitäten ausgesetzt worden sein und in regelmäßigen Abständen geimpft und entwurmt worden sein, besonderes Augenmerk ist auf die Abb. 1: Hoden eines Hengstes Tetanusimpfung zu legen.

Ein Mindestmaß an Gehorsam, sowie ausreichend Hilfskräfte sind Voraussetzung. Die Tiere sollten am Vorabend nur die halbe Ration des Futters und am Tag der OP kein Futter mehr erhalten. Es sollte darauf geachtet werden, dass die kastrierten Hengste nicht gleich wieder mit Stuten auf eine Weide kommen, da die vermeintlichen Wallachen noch rund 68 Tage nach erfolgter Entmannung befruchtungsfähig sind. Der Grund dieses Phänomens liegt in der Tatsache, dass der Hengst sowie andere männliche Haussäugetiere über akzessorische Geschlechtsdrüsen verfügt, wo Spermien gespeichert werden können und mit jeder Erektion stoßweise abgegeben werden können.

Es gibt verschiedene Kastrationsmethoden, zum Einen kann man im Stehen oder am abgelegten Pferd operieren und zum Anderen gibt es diverse Techniken, die im Fachchargon als bedeckte, halbbedeckte und unbedeckte Kastration genannt werden. Welche Methode zum Einsatz kommt ist unter anderem vom Alter des Hengstes abhängig und welche Art der Wundheilung angestrebt wird, eine direkte Wundheilung, d.h. Naht des Hodensacks oder eine verzögerte Wundheilung, d. h. Wunde bleibt offen (WISSDORF et al., 1999). Stehend sollen nur Junghengste bis zu einem Alter von 3 Jahren kastriert werden, welche ruhig sind und deren Hoden nicht zu klein und gut zu fassen sind (SCHNEIDER, 1999). Die Gefahren der stehenden Kastration sind unter anderem Abwehrbewegungen, sowie das Niederlegen des Hengstes. Allerdings müssen die Tiere nicht in Narkose gelegt werden, eine starke Sedierung und Lokalanästhesie des Hodens ist meist ausreichend.

Bevor die verschiedenen Techniken erläutert werden, ist es wichtig zu wissen, dass der Hoden von sogenannten Hodenhüllen umgeben ist, im Wesentlichen handelt es sich dabei um das Skrotum [Hodensack] und dem Scheidenhautfortsatz [Proc. vaginalis]. Wichtig im Hinblick auf die Kastration ist der Processus vaginalis, wird er eröffnet besteht ein direkter Kontakt zur Bauchhöhle, da dieser ein Bestandteil der inneren Auskleidung des Bauchhöhle ist.

Abb. 2: Kastration an der Klinik
[© Pferdeklinik Tillysburg].

Bei der bedeckten Kastration wird oben genannter Proc. vaginalis nicht eröffnet, es wird lediglich das Skrotum eröffnet und der Scheidenhautfortsatz stumpf freipräpariert. Der Samenstrang wird gequetscht, abgebunden und abgetrennt. Bei dieser Technik bleibt die Bauchhöhle verschlossen und somit wird einem möglichen Darmvorfall vorgebeugt.

Handelt es sich bei der Kastration um eine unbedeckte Kastration wird sowohl das Skrotum als auch der Proc. vaginalis eröffnet und der Samenstrang ebenfalls gequetscht und abgetrennt. Bei dieser Methode wird kein Nahtmaterial verwendet, was unter Umständen den Vorteil hat, dass es nicht zu Nahtmaterialunverträglichkeiten kommen kann. Die Gefahr eines Darmvorfalls ist bei älteren Pferden größer, da sie über einen meist größeren inneren Leistenring verfügen, daher sollten nur Hengste bis 2,5/3 Jahren unbedeckt kastriert werden (SCHNEIDER, 1999).

Abb. 3: Kastration im Feld

Der Samenstrang wird bei der halbbedeckten Technik bedeckt und Hoden und Nebenhoden unbedeckt kastriert.

Heutzutage werden Kastrationen in (spezialisierten) Pferdekliniken im Allgemeinen unter Vollnarkose und sterilen Bedingungen bedeckt durchgeführt – sei es über die Leiste oder den Hodensack. Da unter sterilen Bedingungen gearbeitet wird, ist die Gefahr der Wundinfektion deutlich geringer und somit kann die Operationswunde vernäht werden. Vom Pferdebesitzer ist zu Hause so gut wie keine Wundbehandlung durchzuführen.

Bei der Kastration im Stall/Feld bleibt auf jeden Fall der Hodensack eröffnet, unabhängig davon ob bedeckt, halb bedeckt oder unbedeckt kastriert wurde. Daher ist vom Pferdebesitzer über mindestens 1 Woche nach der Kastration die offene Hautwunde mehrfach täglich mit Wasser abzuspritzen und das Pferd entsprechend zu bewegen.

Kastrationskomplikationen, welche auch trotz gewissenhafter tierärztlichen Arbeit auftreten können.

  • Blutungen
    Es kann Blut aus Gefäßen der Haut, Unterhaut, dem lockeren Bindegewebe des Musculus cremaster und des Samenstranges kommen.
  • Darm- und Netzvorfall
    Hierbei handelt es sich um eine Komplikation bei Hengsten mit weiten Leistenringen und bei Tieren die unbedeckt kastriert worden sind. Tendenziell häufiger kann es wenige Stunden nach der Kastration zu einem Vorfall des lockeren Bindegewebes aus dem Hodensack kommen.
  • Sekretstau und Infektion der Kastrationswunde
    Wenn die Kastrationswunde zu früh verklebt, wird der Wundabfluss verhindert und das eingeschlossene Sekret bietet Bakterien einen guten Nährboden. Daher ist es ausgesprochen wichtig, ein striktes Bewegungsregime und ausreichende Kaltwassertherapie durchzuführen.
  • Samenstranginfektion
    Im Bereich des Samenstrangstumpfes können sich eitererregende Bakterien ansammeln und innerhalb weniger Tage zur Infektion führen. Die Tiere sind matt, haben unter Umständen Fieber und weisen eine mehr oder weniger starke Schwellung des Präputiums auf.
  • Samenstrangfistel
    Es handelt sich um eine chronische Entzündung des Samenstranges, welche sich langsam über einen längeren Zeitraum nach der Kastration [ca. 2 Monate] entwickelt. Ein Zeichen dafür kann eine noch nicht geschlossene Kastrationswunde, sowie Ausfluss aus der Wunde sein. Meist ist die Ursache einer solchen Fistel eine Nahtmaterialunverträglichkeit.

Abb 4: Schwellung und Nachblutung nach Kastration
[© Pferdeklinik Tillysburg].

Abb. 5: Operation einer Samenstrangfistel
[© Pferdeklinik Tillysburg].


Literaturverzeichnis

LAUNER, P., MILL, J., RICHTER, W. (1999): Krankheiten der Geschlechtsorgane. In: LAUNER et al.: Krankheiten der Reitpferde. 2. Auflage. Ulmer Verlag. 245-248.

SCHNEIDER, H.-J. (1999): Krankheiten der männlichen Geschlechtsorgane, Sterilisation und Kastration des Hengstes, Hermaphroditismus. In: DIETZ, O, HUSKAMP, B. (1999): Handbuch Pferdepraxis. 2. Auflage. Enke Verlag. 533-542.

DICKSON, D. V., SCHUMACHER, J. (1999): Reproductive System: The Stallion. In: COLAHAN, P. T., MAYHEW, I. G., MERRITT, A. M., MOORE, J. N. (1999): Equine Medicine and Surgery. Verlag Mosby. 285-311.

SCHUMACHER, J., TROTTER, G. W. (1999): The Reproductive System. In: AUER & STICKS (1999): Equine Surgery. 2. Auflage. W.B. Saunders. 515-540.

Bildquellennachweis

Die Bilder die in Abbildung 1, 2, 4 und 5 ersichtlich sind, wurden von der Pferdeklinik Tillysburg dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

Abbildung 3 stammt aus dem eigenen Archiv.