Heulage & Co: Was kann die Fütterung für die Lunge tun?

Zusammenfassung

Pferde in ganzjähriger Offenstallhaltung

Das Wichtigste in der Prävention und Therapie von chronischen Atemwegserkrankungen (syn. Equines Asthma) ist eine möglichst staub- und ammoniakfreie Fütterung und Haltung.

Ganzjährige Weidehaltung wäre vielleicht optimal, ist aber nicht immer durchsetzbar.

Fütterung von gewässerten/bedampftem Heu oder Heulage, sowie behandeltem Kraftfutter können Equines Asthma positiv beeinflussen.

Die Atemwege sind mehr als alle anderen Organe die größte und empfindlichste Kontaktoberfläche für potenziell irritierende Substanzen aus der Luft. Die Lunge ist daher den negativen Effekten einer komplexen Mischung aus Schadgasen und Luftschadstoffen ausgesetzt.

Beim Pferd werden die COB (chronisch obstruktive Bronchitis) bzw. die RAO (rekurrente Atemwegserkrankung) – beides fällt unter den früher geläufigen Begriff der „Dämpfigkeit“ – und die IAD (Inflammatory Airway Disease; infektiöse Entzündungen der Atemwege z.B. wie bei Pferdegrippe) unterschieden.

Stallstaub kommt durch Futtermittel, Einstreu und Reitplatz/-hallenboden zustande.

Ammoniakbelastung bei schlechter Stallhygiene

Je nach Größe und Form der inhalierten Partikel können diese das tiefe Lungensystem erreichen und dort Schaden anrichten. Potentiell schädliche Staubpartikel sind kleiner als 5 Mykrometer (µm), weil diese Partikel tief in die Lunge eindringen können.

Der Staub besteht aus anorganischen Schmutzpartikeln, Mikroorganismen (Bakterien, Pilze, Hefen, Endotoxine, Mykotoxine,…), Schadgase und Pflanzenpartikel.

Die Staubpartikel gelangen in die oberen und unteren Atemwege des Pferdes; Partikel < 5ym gelangen bis tief in die Lungenanteile und tragen so zur Entstehung des equinen Asthmas bei.

Deshalb verdient die Stallluft besonderer Aufmerksamkeit.

Bei den täglichen Stallarbeiten kann ein erheblicher Anstieg der Staubkonzentration in der Stallluft festgestellt werden. Daraus lässt sich die Empfehlung ableiten, dass Pferde möglichst zu solchen Zeiten nicht im Stall sind, wenn gemistet oder Futter und Stroh hantiert werden.

Die Staubkonzentration in der direkten Umgebung des Pferdes (Kopf-, Nüsternregion) ist um mehr als das 7fache höher als außerhalb der Box.

Staubquellen

Eine nicht unerhebliche Staubbelastung stellt die Fütterung von Heu dar; selbst bei hygienisch einwandfreier Heuqualität.

Bei Mängeln im Hygienestatus sind häufig Heu- und Strohqualitäten auffällig, die aufgrund von schlechten Ernte- oder Lagerbedingungen erhöhte Bakterien- und Schimmelpilzgehalt aufweisen.

Jedoch ist zu bedenken, dass auch hygienisch einwandfreies Heu- und Stroh eine produkttypische Keim- und Pilzflora hat, die eine Schutzbarriere gegenüber unerwünschten Keimen darstellen kann.

Die Staubbelastung beim Reiten in einer Reithalle/am Reitplatz steigt mit zunehmender Trockenheit und Alter der Tretschicht. Es kommt zu einer erheblichen Luftbelastung mit Staub und Pilzsporen.

Es sei zu bedenken, dass Pferde in Bewegung ein deutlich größeres Atemminutenvolumen atmen (tiefe Atemzüge) als in Ruhe, sodass dadurch die Schadwirkung von Stäuben in Reithallen/Reitplatz verstärkt werden.

Wie erkennt man die Heu- und Strohqualität mit dem freien Auge?

verschimmeltes Heu

Hinweise sind, wenn es beim Aufschütteln von Heu oder Stroh zu deutlich erkennbarer Staubentwicklung kommt. Dies weist auf erhöhten Besatz mit Schmutzpartikeln sowie Bakterien und Schimmelpilzen hin.

Weitere Merkmale sind gräuliche Farbe sowie muffiger oder staubiger Geruch.

Aber auch makroskopisch unauffälliges Heu und Stroh kann mikrobiologisch problematisch sein.

Was bringt wässern von Heu?

Das Wässern von Heu – 10 min komplett in Wasser bei 16°C – reicht aus, um eine fast vollständige Reduktion der lungengängigen Partikel zu bewirken.

Anfeuchten mit Gießkanne oder Gartenschlauch ist zu wenig.

Das Waschwasser muss jedes Mal gewechselt werden. Zu langes Waschen (>30 min) erhöhte die Keimbelastung. Gewaschenes Heu muss sofort verfüttert werden.

Durch das Waschen werden Mineralstoffe und wasserlösliche Kohlenhydrate ausgewaschen. Daher muss ein hochwertiges Mineralfutter zu gefüttert werden. Ausgewaschenes Heu eignet sich gut für adipöse Pferde.

Die mitunter mangelnde Akzeptanz bedarf jedoch einer gewissen Eingewöhnung bzw. Fütterungsmanagement.

Hilft bedampfen von Heu?

Wird bei der Bedampfung im Heu eine Temperatur von mehr als 99°C erreicht, kommt es zu einer deutlichen Reduktion der mikrobiellen respiratorischen Partikel.

Kommen in (selbstgebauten) Bedampfern nur Temperaturen von ca. 40-70°C (im Heukern) zustande, vermehren sich jedoch die unerwünschten Mikroorganismen enorm.

Beim Bedampfen gehen keine Mineralstoffe verloren und von den wasserlöslichen Kohlenhydraten nur ca. 18%.

Unklar ist derzeit ob die hohen Temperaturen (>99°C) die pflanzlichen Proteine nachteilig beeinflussen.

Zur Sicherheit sollte bedampftes Heu ebenfalls sofort verfüttert und nicht gelagert werden.

Heulage

Heulage (Trocknungsgrad 50-85%) oder Grassilage (Trocknungsgrad <50%) stellen eine weitere Möglichkeit zur Reduktion der inhalierbaren Staubpartikel dar.

Populärwissenschaftliche Medien und deren Vertreter brachten in den letzten Jahren die Fütterung von Heu-/Grassilage in Misskredit. Es heißt, es käme zu einer „Dickdarmübersäuerung“ beim Pferd. Heulage besitzt einen ähnlichen pH-Wert wie Heu. Grassilage einen pH-Wert < 5.

Durch wissenschaftliche Studien (mit kolon-fistulierte Pferden) wurde belegt, dass weder unmittelbar nach der Umstellung der Fütterung von Heu auf Grassilage oder Heulage noch bei längerfristiger Fütterung dieser beiden Futtermittel nennenswerte Veränderungen in der Mikroflora noch in dem Dickdarmmilieu (pH-Wert) zu finden sind.

Die Haltbarkeit von Heulage/Grassilage gestaltet sich problematisch, wenn (Groß-)Ballen nicht binnen 24 h verfüttert werden. Durch die Zufuhr von Sauerstoff kann eine massive Vermehrung von Mikroorganismen (Hefen) stattfinden; die Verdauungsprobleme beim Pferd verursachen können.

Botulismus

Ist eine tödlich verlaufende Intoxikation durch das vom Bakterium Clostridium botulinum gebildete Botulinustoxin. Es wird oft in Zusammenhang mit Heulage oder Grassilage erwähnt, kommt aber auch in Wiesen- oder Luzerneheu vor.

Maßgeblich ist generell eine hygienisch einwandfreie Futtermittelqualität.

Freies Kotwasser wird oft in Zusammenhang mit Heulage und Grassilage gebracht. Die Ursache ist bisher nicht eindeutig geklärt. Manche Pferde reagieren aber auch bei grobstängeligem Heu mit Kotwasser.

Hafer & Co

Je nach Zustand des Getreides (ungequetscht, gequetscht, extrudiert …) bzw. Zulagen von Pflanzenölen oder Melasse kommt es zu mehr oder weniger Staubbelastung.

Supplemente

Lein- oder Fischöl die Omega-3-Fettsäuren enthalten, können Entzündungszellen in der Lunge reduzieren.

Antioxidantien wie z.B. Vitamin C oder Vitamin E könnten ebenfalls positiven Einfluss auf Equines Asthma haben. Dies bedarf jedoch weiterer Untersuchungen.

Hustenkräuter

Ohne Änderungen im Haltungs- und Fütterungsmanagement hinsichtlich Staubreduktion, haben „Hustenkräuter“ keinen Einfluss auf chronische Atemwegserkrankungen.


Literaturquelle:
Pferdespiegel 4/2009; Seite 164 – 168
Wie beeinflussen Einstreu und Futter die Lungenfunktiion – Anhaltspunkte zur Haltungsoptimierung
M.C. Fugazzola, B. Ohnesorge

Pferdespiegel 3/2018; Seite 107-114
Heulage und Co: Was kann die Fütterung für die Lunge tun?
PD Dr.med.vet. Ingrid Vervuert


01.2019