Man kann nicht alles retten – aber …

Die Geschichte von MOGLI – „Prinz von Edt“

Als tierfreundlicher Mensch UND Pferde-Tierarzt kommt mir so manches unter.

Sei es der Gesundheitszustand, die Haltungsbedingungen oder auch der Umgang mit Tieren als Hobby-, Sport-Gerät und „Partner-Ersatz“. Jedoch, ich kann nicht alles retten, mit nach Hause nehmen und dann so enden wie andere die genau das tun und letztendlich sogar selbst zum Tierschutzproblem werden, weil ihnen alles über den Kopf wächst.

Im April 2021 kam es anders. Ich bekam eine Pferdehaltung in Oberösterreich zu sehen, wo mir die Luft im Halse stecken blieb.

Tierschutz: Pferdehaltung in Oberösterreich

Das Schlimme daran, diese Zustände waren seit Jahren behördlich bekannt. Vielfach angezeigt worden, ohne dass sich für die Pferde etwas verändert hätte.

Im April 2021 waren dort > 30 Pferde. In den letzten Jahren mitunter ~ 100 Pferde.

Hengste mit Stuten, eingepfercht in dunklen verdreckten Löchern im Hof – ohne ständigen Zugang zu Wasser. Wasser und Futter nur sporadisch und dann von fragwürdiger Qualität.

Tierschutz: Pferdehaltung in Oberösterreich

Am besten hatten es noch die Hengste mit Stuten und wenigen Jungtieren auf der „Wiese“. Die hatten zumindest Licht, frische Luft und im Sommer Gras – sonst aber auch nur fragwürdige Wasserversorgung und schimmeliges „Heu und Stroh“.

Tierschutz: Pferdehaltung in Oberösterreich

Gesamtzustand:

Sehr schlechter Ernährungszustand, schlechter Gesundheitszustand, Verwahrlosung, ständige Vermehrung ohne Kontrolle, so gut wie nicht handzahm (geschweige denn Halfter führig)

Unter ihnen – MOGLI – zwar auf der „Wiese“, aber in miserablen Zustand.

von MOGLI – „Prinz von Edt“

Es folgten umgehend eine ausführliche TIERSCHUTZANZEIGE von mir bei der OÖ Tierschutzombudsstelle, wiederholte Intervention von Seiten der Tierschutzorganisation ANIMAL SPIRIT und eines Familienmitgliedes des Hofbesitzers.

Dies führte zu einem behördlichen Einschreiten Ende April 2021, im Rahmen dessen wir ein paar Pferde vom Hof holen durften – MOGLI war mit dabei.

Es bedurfte noch ein paar Wochen der Interventionen bei den Behörden, inklusive Medienbeteiligung, bis bei einer weiteren behördlichen Besichtigung endlich das tatsächliche Ausmaß dieser „Pferdehaltung“ amtlich festgehalten und behördliche Maßnahmen gesetzt wurden.

Letztendlich, über den Sommer 2021, kamen auch alle restlichen Pferde weg von diesem Hof.

Ein junger Hengst musste aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes euthanasiert werden. Er hatte eine alte, nicht versorgte massive Verletzung einer Sehne, so dass er nicht laufen konnte.

ALLE anderen, Stuten, Jungtiere und Hengste fanden ein neues Zuhause. Sie wurden gechipt, geimpft, entwurmt, zum Teil noch kastriert bzw. ihre gesundheitlichen Probleme operiert (tiefer Hufspalt, Equines Sarkoid etc.).

Jeder Besitzer eines dieser Pferde hat aber nun eine große Aufgabe vor sich. Diese Pferde sind zwar in keiner Weise bösartig, aber sie kennen Zeit ihres Lebens so gut wie KEINEN Umgang mit Menschen.

Das sind ausgewachsene Hengste die gedeckt haben, ausgewachsene (trächtige) Stuten und ein paar Jungtiere.

Ich wünsche allen viel Erfolg mit ihren Pferden, viel Freude an den Fortschritten, die sie machen und viel Spaß mit all den Fohlen die seither noch geboren wurden und die von den Schrecken und Zuständen die Ihre Mutterstuten erleben mussten nichts mehr mitbekommen.

MOGLI

Mogli lief zwar auf der „Wiese“ mit der Gruppe mit, war aber gesundheitlich in einem sehr schlechten Zustand. Aus der Ferne schätzte ich ihn als Jährling ein.

von MOGLI – „Prinz von Edt“Dennoch bedurfte es einer sehr hohen Dosis Sedierungsmittel per Blasrohr, dass ich ihn schließlich einfangen und unter Schutz von zweibeinigen Bodyguards von der „Wiese“ holen konnte. Die restlichen (ausgewachsenen) Hengste waren nicht so sehr begeistert, dass ich ihnen dieses Gruppenmitglied entwenden wollte.

Jedes gerettete Pferd wurde einzeln freistehend in einem Doppel-Pferde-Anhänger vom Hof transportiert. Derartige Aktionen sind nichts für schwache Nerven. Diese Tiere fürchteten um ihr Leben und mussten zum Teil schwer sediert werden / per Blasrohr, damit wir sie angreifen und verladen konnten.

Mit Mogli kamen an diesem Tag noch zwei weitere (trächtige) Stuten zu mir auf den Hof in die Edt.

Wir waren am Ende des Tages ALLE erschöpft als wir die drei endlich in ihrem neuen Stall hatten.

Die zwei trächtigen Stuten waren noch drei Wochen bei mir, bis sich ein neuer Besitzer fand und sie in ihr – hoffentlich endgültiges – neues Zuhause brachte.

von MOGLI – „Prinz von Edt“MOGLI war eigentlich nur ein Haufen Elend. Abgemagert bis auf die Knochen. Komplett verfilzte Mähne und Schweif. Und „tot“ in der Seele – kein Leben in den Augen.

Anfangs nötigte ich ihn einfach nur täglich von der Box hinaus auf den Reitplatz und wieder retour. Sobald er wieder in „seiner Box“ sein durfte, legte er sich sofort nieder und schlief und schnarchte.

Nun bin ich keine, die selbst so ein armes Wesen bedauert, sondern ich machte ihm schnell klar, dass er nun ein neues Leben hatte. Dazu gehörte aber auch, dass er sich angreifen lassen „durfte“ und lernte die Beine aufheben zu lassen. Gut, ich hatte relativ einfaches Spiel, weil er nicht nur körperlich, sondern auch psychisch extrem ausgelaugt war. Und, ich fand sehr schnell eine Körperstelle, an der er das Kraulen gut fand und war somit relativ schnell davon zu überzeugen, dass Angreifen gar nicht so blöd ist.

Die Mähnen- und Schweifhaare schnitt ich ihm radikal ab – bei all den Kletten. Bei den Hufen – besser gesagt „ausgerissene Entenwatscheln“ – begann ich gleich mal mit der Korrektur und Pflege.

Es folgte eine 5-tägige intensive Wurmkur bei allen drei „Gästen“. Bei den Stuten war erstaunlicher Weise nichts zu sehen. Aber bei Mogli – man lernt ja nie aus – aber dies waren nicht Kothaufen mit Wurm, sondern WURM mit ein wenig Kot. Abartig.

Nach ca. 1 Woche in der Edt begann Mogli den Kopf zu heben.

Ah ja, ab wann hieß Mogli „Mogli“?
Ab wann war klar, dass Mogli bei mir bleiben darf?

Ich kann mir eingestehen, schon als ich Mogli mit dem Blasrohr von der „Wiese“ holte, war klar, dass er bei mir bleiben darf. Den Namen Mogli bekam er von meiner Schwester … das war auch so ein Wesen mit schwierigem Start ins Leben ….

Also, Mogli begann seine Umgebung wahr zu nehmen.  Schließlich gestand ich mir ein, dass er sowieso bei mir bleiben durfte, die Behörde gab auch noch ihren Sanctus dazu, gesellte ich ihn zu meinen beiden Pferden (Duffy – 11 jähriger Austro-Foxtrotter, Tinna – 31jährige Isi-Stute).

Duffy hatte dazu eher gemischte Gefühle, denn Tinna war doch „seine“ Stute. Tinna war das ziemlich egal, Hauptsache sie hatte ihre Ruhe. Und Mogli dachte sich wohl: „Oje, schon wieder was Neues“.

Aber, es ging ganz gut.

Übrigens, abgesehen von der Wurmkur, bekam Mogli nur Heu, Gras und täglich ein paar Heucobs + kleine Menge gequetschtes Getreide + hochwertiges Mineralfutter. Nach wenigen Wochen begann Mogli sich „zu häuten“. Wenn er eine Schlange wäre, hätte er sich tatsächlich gehäutet. Er begann sein „Fell“ und seine Haut „abzuwerfen“.

von MOGLI – „Prinz von Edt“Das führte zu täglich wechselnden Körperstellen, die mal massiv juckten und dann aber auch mal schmerzten. Und, er bekam langsam aber doch, Fleisch auf seine Knochen.

Ach, was für eine Freude, als er die ersten schnelleren Schritte machte; mehr als nur schlurfenden Trott. Dann sogar trabte und etwas später zu galoppieren und buckeln begann.

Das morgentliche Begrüßungs Wiehern hat Mogli übernommen. „Frühstück, Frühstück … jetzt beeile dich doch mit dem Frühstück!“

Und: „Darf ich abends bitte, bitte, bitte zumindest als zweiter in den Stall in MEINE Box!“

Duffy – der Foxtrotter – ist so irgendwie in die Rolle des erziehenden großen Bruders hineingerutscht. Denn, Tinna „gehört ihm“, und alles andere im Leben ist halb so wild. Sei es Strassenverkehr, die Ziegenherde des Nachbarn oder auch die große Rodel, unser Mühlviertler „Fluss“. Wo Duffy hingeht, geht auch Mogli hin, ohne nachzufragen.

von MOGLI – „Prinz von Edt“Mittlerweile stellt sich die Frage: Wie alt ist Mogli?
Wenn ich den Zähnen trauen kann, dann hatte er bei Ankunft noch alle Milchzähne, die er im Laufe dieses Sommers begonnen hat zu wechseln; d.h. 2-2,5 Jahre jung – Baujahr 2019.

Mogli ist männlich – ein Hengst
Da ich jeden Frühling Zuchtstuten zum Besamen bei mir habe und auch die alte Tinna nicht von Mogli „vergenußspächtelt“ werden sollte, war klar: Mogli wird ehest kastriert.

Wenn er körperlich fit ist und die Hormone möglichst noch schlummern. Jedoch, Mogli hatte keine tastbaren Hoden – er war ein beidseitiger Kryptorchide – ein Klopfer. Ich kastriere zwar selbst, aber nur intakte Hengste. Das heißt, eine Fahrt in die Klinik stand im Raum.

Also: Hänger Training
Zuerst klassische Bodenarbeit über Stangen, Plastikplanen etc. – coole Socke. Hänger auf den Reitplatz gestellt – „Auweh – da war doch mal was!“ – aber alles halb so schlimm. Als ich ihn dann das erste Mal hinter den offenen Hänger gestellt habe, meinte er „Ui schön, darf ich da hinein gehen?“. „Ja, aber erst wenn ich dich hineinschicke.“ Rein raus – rein raus. Perfekt. Dann Duffy als ersten dazu. „Ja, aber bitte Duffy kurz anhängen. Der mag das nämlich nicht, wenn ich so knapp neben ihm stehe.“ Am nächsten Tag machten wir eine Ausflugsfahrt zu einer Kundschaft 30 km entfernt. Alles doch kein Problem, oder?

Kurz darauf durfte er als Begleitpferd zu einem Kurs mitfahren. Wow! Fremde Pferde! Wallach, Wallach … STUTE!!! Und der Termin in der Klinik war auch schon vereinbart – Anfang September 2021.

In der Klinik war er ein Musterschüler. Aber auch weil „Mama ihm den Huf gehalten hat“. Stolze 400 kg brachte er schon auf die Waage! Eine Bauch OP war Gott sei Dank nicht notwendig. Die beiden Hoden hatten zumindest schon den Weg in den Leistenkanal gefunden. Somit unspektakuläre Kastration mit komplikationsloser Abheilung.

Klein Mogli wurde mittlerweile mehr und mehr zu einem Pferd. Marion kam mal zu Besuch und hätte ihn nicht wieder erkannt.

Es gibt doch diese „deckenden Wallache“. Hierzu wird diskutiert „die seien schlecht kastriert“ etc. Nun, Mogli ist ganz sicher perfekt kastriert und hatte zum Zeitpunkt der Kastration einen Testosteronspiegel von NULL (Laboruntersuchung).

ABER, mit wachsender körperlicher Fitness, begann er meine Tinna zu bespringen – oder was er eben so versuchte. Meine Interpretation seines Verhaltens: Er hatte keine Hoden mehr, wohl auch nie einen entsprechenden Hormonspiegel, ABER er hat in seinem kurzen Leben auf der „Wiese“ täglich den großen Hengsten bei der „Vergewaltigung“ der Stuten zugesehen. Learning by looking.

Somit ist es mittlerweile aber mühsam alle drei beisammen zulassen.

Duffy hat anfangs seine Tinna noch vehement verteidigt. Jedoch, „steter Tropfen höhlt den Stein“, ist es Duffy mittlerweile zu mühsam geworden. Mogli dängelt an Tinna herum. Die Quietscht, dass es das halbe Mühlviertel hört. Und Duffy steht nur noch daneben – außer manchmal – da wird es ihm zwischendurch doch zu bunt.

Natürlich kommt noch dazu, dass Mogli sich schlichtweg zu einem kräftigen Teenager entwickelt hat, der mit seiner Kraft irgendwo hinmuss. Das darf aber nicht meine mittlerweile 32jährige Tinna büßen müssen.

von MOGLI – „Prinz von Edt“Somit ist Tinna vorwiegend im Separee und Duffy darf immer wieder mal zu ihr zum Kraulen. Hin und wieder lasse ich noch alle drei zusammen, bis es MIR zu bunt wird.

Der Kleine braucht Beschäftigung und körperliche Ertüchtigung. Jetzt im Winter, bei diesem Wetter und Boden, ohne Halle bzw. die Unlust ständig mit dem Hänger in die Halle zu fahren, eher ungünstig.
Zum Spazieren gehen und als Handpferd bei Duffy zum Ausreiten war er schon das eine und andere Mal mit.

Somit sitzen wir den Winter aus und starten hoffentlich bald in den Frühling.

Ende Jänner 2022:

von MOGLI – „Prinz von Edt“
von MOGLI – „Prinz von Edt“

01.2022